„Wir verlieren unseren guten Ruf“

Vizerektorin Hinterstoisser über die Qualität in der Lehre.

Die BOKU hat sich als Ziel gesetzt, dass 50% der Absolventen bis 2020, zumindest einen Teil Ihrer Ausbildung im Ausland verbracht haben. Wie realistisch ist dieses Ziel für Sie persönlich?

Ich denke das Ziel, dass alle unsere Absolventinnen und Absolventen im Ausland tätig waren, ob nun mit einem Teil des Studiums oder im Rahmen eines Praktikums, immer realistischer ist, da auch das Interesse immer mehr steigt. Limitierend sind hier natürlichdie Finanzen und die Frage der Leistbarkeit.

Nichtsdestotrotz denke ich, dass es wichtig ist, uns dieses Ziel vor Augen zu halten. Denn unsere Absolventinnen und Absolventen müssen über den Tellerrand hinaus geschaut haben und verstehen, wie manche Dinge wo anders laufen.

Ist die BOKU bestrebt, in Anbetracht des regulierenden finanziellen Faktors, Maßnahmen zu setzten, welche Fördermittel aliquot zur gewünschten Erhöhung der absolvierten Auslandsaufenthalte anheben sollen? Respektive wo sollte Ihrer Meinung nach diese Möglichkeit geschaffen werden?

Eine Möglichkeit ist natürlich das neue Erasmus Plus-Programm, welches ja jetzt ein klein wenig anders aufgesetzt ist, als jenes zuvor. Eine Chance grundsätzlich sind natürlich die Joint Study Programms, bei welchen man dezidiert ein Studienprogramm gemeinsam mit einer anderen Universität aufsetzt, bei welchen die Studierendendie Chance haben in der Zeit, die ihnen zur Verfügung steht, etwas Adäquates zu finden. Ansonsten muss man offen sagen, dass es bei der Thematik Finanzierung eher düster aussieht. Hier liegt es aber an uns allen den notwendigen Druck auf die entsprechenden Stellen auszuüben, denn es kann nur im Sinne Österreichs sein, Studierende zu unterstützen im Ausland zu studieren. Wir müssen es auch definitiv in der Bevölkerung kommunizieren, dass das keine nullachtfünfzehn Reisetätigkeit ist, sondern etwas sehr Sinnvolles und Wichtiges. Seitens der Universität kann aber kein Geld versprochen werden.

Seitens der Studierenden gibt es des Öfteren die Bedenken, dass das Ziel der 50-%-Quote leider im Widerspruch mit den geringen Übungsplätzen für Fremdsprachen steht, da es unter den jetzigen Umständen sehr schwer ist allfällige sprachliche Anforderungen für ein Auslandsemester zu erfüllen, wenn man keinen Platz in Gruppen bekommt. Sehen Sie keinen Widerspruch?

Nein, kann ich in der Form nicht nachvollziehen. Wir bieten sehr wohl Sprachkurse an der BOKU an, und auch wenn ich noch mehr anbieten wollte, ist es mir leider im Moment finanziell nicht möglich. Aber in einer Stadt wie Wien kann ich jede Sprache der Welt lernen. Und man merkt sehr wohl, dass das Englisch-Niveau der Studie- renden in den letzten zehn Jahren gewaltig gestiegen ist. Gerade wenn man die Perspektive 2020 anspricht, denke ich, dass das Englisch-Niveau gewaltig weiter steigen wird, nicht zuletzt, weil wir die englischen Lehrveranstaltungen in den Lehrplänen verankert haben. Und für den Nachweis reicht es ja, nur die Prüfung abzulegen – es ist uns im Moment einfach dezidiert nicht möglich an der BOKU mehr anzubieten. Das Problem ist, wir sollen Englisch auf einem hohen Level halten, aber auch weiterhin alle anderen Fremdsprachen, die nicht Englisch betreffen, anbieten. Wir haben auch bereits versucht Sponsoren zu finden, sind aber kläglich gescheitert. Am interessantesten dabei ist, dass es unzählige Unternehmen gibt, die sehr viel in den Osten investieren, aber in keinster Weise bereit sind in irgendeiner Form Sprachkurse für potenzielle, künftige Arbeitnehmer zu unterstützen. Da hinterfrage ich doch sehr deren Firmenphilosophie!

Wechsel zu einem weiteren Ihrer Themengebiete: die Lehre. Die BOKU ergreift ja bereits sehr viele Maßnahmen zur Verbesserung dieser, wie zum Beispiel die Evaluierungen. Dennoch ist es oft so, dass bei den großen Studi- engängen wie z.B. AW, vor allembei BAKK-Arbeiten verpflichtend Gruppenbildungen aufgrund des unbefriedigenden Vortragenden/Studenten-Verhältnisses vorgeschrieben werden. Welche Maßnahmen können Sie sich vorstellen, um hier die Qualität in der Lehre zu sichern? Auch in Anbetracht der steigenden Studierenden-Zahlen – was ja einerseits erfreulich ist. Aber diese Medaille hat ja natürlich noch eine zweite Seite.

Ja die Medaille hat schon lange eine zweite Seite, weil wir Ressourcen-technisch einfach total ausgereizt sind. Und zwar sowohl was personelle, räumliche und finanzielle Ressourcen betrifft. Die Lehre an sich entwickelt sich im Moment zu einem sehr komplexen System. Es muss auch in die Köpfe der Studierenden, dass sie nicht da sind, um Prüfungen abzuhaken, sondern, um zu studieren, Erfahrungen zu sammeln und sich Fachexpertisen anzueignen. Es geht leider Hand in Hand mit dem Massenbetrieb, dass die Studierenden nur mehr eine Prüfung nach der anderen ablegen wollen und dann, im Falle eines „Nicht Genügends“ um Punkte feilschen kommen – was dabei an Wissen generiert wurde, ist vollkommen irrelevant für manche. Das hat mit Qualität NULL zu tun, nur schnell allein ist für ein Studium absolut kein Qualitätsmerkmal. Die Studierenden sollten vielmehr versuchen die Lehrenden auszusaugen und da braucht es natürlich ein gutes Betreuungsverhältnis. Aber es braucht auch den Willen Leistung zu bringen seitens der Studierenden, den ich immer mehr zu vermissen beginne. Dies ist aber nicht die Schuld der Studierenden alleine, weil man ihnen laufend einbläut, sie müssen so schnell wie möglich studieren und dann mit dem Schein in die Berufswelt hinaus starten. Spätestens dann kommen aber die meisten drauf, dass sie nichts vernetzt haben, nichts verinnerlicht haben, nichts begriffen haben und nichts erarbeitet haben! Es geht einfach das Studieren verloren. Und wir haben viele Maßnahmen getroffen, um irgendwo noch Qualität haltenzu können, wie z.B. die Übungs- gruppen tunlichst klein zu halten. Wenn Sie explizit die Bachelorarbeiten ansprechen, muss ich auch sagen, dass diese keine Qualität mehr haben. Das liegt aber nicht nur an den Studierenden und nicht nur an den Lehrenden. Es ist leider eine verfahrene Gesamtsituation, die wir hier vorfinden. Ich habe leider keine Idee von jetzt auf gleich, wie wir die sich äußerst am Limit befindliche Lehrbeauftragung entspannen können.

Sie persönlich haben ja auch mit, den von Ihnen geforderten 70% bei Prüfungen Ihrer Lehrveranstaltungen, eine weitere Maßnahme getroffen, um die Qualität zu erhöhen – was aber auch im Kreis der Studierenden nicht gänzlich unumstritten ist.

Sie haben dazu einen falschen Blickwinkel. Sie müssen sich vor Augen halten, dass es, wenn Sie aus einer Lehrveranstaltung nur die Hälfte mitnehmen, nicht genügend sein kann. Die 70% sollen das Signal setzen dass man wirklich was lernen muss, aber vor allem inkludieren die 70% bereits Dinge, die ich eigentlich bei den Studierenden an der BOKU voraussetzten müsste.

Aber wie sollte man dann Ihrer Meinung nach mit Lehrenden umgehen, die sich eben nur mehr am untersten Rand der Beurteilungskriterien festhalten, und wo jeder aus eigener Erfahrung weiß, dass man aus diesen Lehrveranstaltungen wirklich nichts mitnehmen kann, weil es da einfach nur ums Abhaken derselben geht?

Das ist genau die Diskussion, die mir jetzt bevorsteht. Hier geht es um viele kleine Bausteinchen die verbessert werden müssen. Es muss den Lehrenden auch vermittelt werden, dass es sich bei einem solchen„Entgegenkommen“ um total falsch verstandene Freundlichkeit handelt. Zum Beispiel die Thematik des Korrekturaufwandes. Natürlich ist es einfacher eine Kreuzerlprüfung zu korrigieren, aber hier bedarf es den Einsatz der Studierenden, welche klar aufzeigen müssen, dass sie Leistung bringen und für diese auch belohnt werden wollen. Es muss doch im Sinn aller sein, dass Absolventinnen und Absolventen sagen können – OK die BOKU war hart, aber ich kann jetzt was. Und obwohl die BOKU noch einen sehr guten Ruf hat, sind wir genau wegen solcher Dinge dabei diesen zu verlieren. Bei diesem vieldimensionalen Problem muss aber an vielen Schräubchen gedreht werden, zum einem muss den Lehrenden klargemacht werden, dass sie für hohe Anforderungen nicht bestraft werden, zum anderen muss auch gesagt werden, dass Leute die an der BOKU sind, weil ihnen sonst nichts eingefallen ist, nicht hierher gehören. Und ich weiß, dass diese Aussagen an sich sehr gefährlich sind, aber wir müssen Studieninteressierten vorab vermitteln können, was hier an der BOKU von ihnen verlangt und vorausgesetzt wird. Das ist ja auch im Sinne der jungen Leute, wenn man vermeidet, dass sie erst später drauf kommen, dass sie nicht auf dem richtigen Weg sind. Die Faustregel lautet: Wir sind offen für alle, aber dann muss Wille zur Leistung und Wille zu unseren Themen kommen!

Besten Dank für das Interview Frau Vizerektorin!

 

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